grimmscher Horror
von muetzenvariete am 24. Jan 2012, unter deutsche Hörspiele, Rezensionen

Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm sind auf Einladung Goethes in der Stadt Weimar. Ihr Wunsch war es einen der größten Dichter ihrer Zeit persönlich kennenzulernen. Doch Goethe hat noch eine Überraschung für sie parat, denn in Weimar wohnt noch ein weiterer Meister seines Faches, Friedrich Schiller. Zu Schiller schickt er beide mit einer Medizin, denn dieser ist seit Tagen schwer krank. So betreten sie das Haus von ihm mit einer Mischung aus Faszination und Angst, denn Schiller geht es nicht wirklich gut. Dieser mustert die beiden Brüder und freut sich dann über die Medizin seines Weggefährten. Aus Dankbarkeit überreicht er ihnen ein Manuskript, welches sie Goethe überbringen sollen. Doch auf dem Rückweg, als beide selber neugierig sind und das verpackte Manuskript öffnen wollen, wird es ihnen von einer dunklen Gestalt entwendet.
So kehren sie mit leeren Händen zurück, doch verschweigen sie es Goethe. Dieser hat Gäste zu Besuch, dem Äußeren nach Ägypter, mit denen er eine angeregte Konversation hält. Sie belauschen das Gespräch und je länger dies dauert, umso sicherer sind sie, dass sie die Sprache erkennen. Doch sie hören auch eine Stimme heraus, mit der sie nicht gerechnet haben, die von Schiller und sie entdecken eine Person, jene die ihnen das Manuskript entwendet hat. Beide verlassen das Haus und am nächsten Morgen erfahren sie vom Tode Schillers. Dieser sei gegen Mitternacht verstorben, doch seine Stimme hörten sie einige Zeit später. Verstört suchen sie einen Gasthof auf, wo sie von Elisabeth von der Recke angesprochen werden. Diese will beide ermutigen weiter bei Goethe zu residieren, gegen Bezahlung und Informationen zu sammeln. Jakob und Wilhelm lehnen empört ab, doch von der Recke zwingt beide mit Gewalt ihrer Schergen sie zu begleichen.
Sie erzählt ihnen von der mysteriösen Autopsie Schillers, wonach seine Organe alle miteinander verwachsen seien, er quasi vergiftet wurde. Auch erzählt sie ihnen von dem Manuskript, was ein dritter Teil eines unvollendeten Werkes des Dichters sei, seinem einzigen Roman, Der Geisterseher. Dieses Manuskript birgt Geheimnisse, wonach mehrere Gruppierungen streben und als sie auf einem Friedhof, wo sie eine weitere Leiche ausgraben, die ebenso die Symptome Schillers aufweist, angegriffen werden, zeigt sich eine der Gruppen. Angeführt von einem Mann namens Spindel werden sie gejagt, denn dieser will das Manuskript haben, was von der Recke selber bei sich hat. Die Gebrüder Grimm geraten in eine mysteriöse Sache, die sich bis nach Warschau zieht und ihr Leben in Gefahr bringt!
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Der Autor Kai Meyer brachte schon 1995 seinen Romanmix aus Horror, Mystery und Historie heraus, Die Geisterseher. Die fiktive Geschichte um die Gebrüder Grimm ballt dabei bekannte Namen verpackt in ein historisches Setting und einem Spannungsbogen von Anfang bis Ende. Im Jahr 2009 brachte dann der Verlag Zaubermond dieses Buch als Hörspiel heraus und vermittelt die Szenerie des Buches als Ohrkino.
Die Geschichte spielt sich zu Beginn des Buches im Weimar des Jahres 1805 ab. Im Prolog stirbt während einer Aufführung eines Stücks von Johann Wolfgang von Goethe ein Schauspieler unter mysteriösen Umständen. Wenige Zeit später betreten dann die Protagonisten das Geschehen, die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm. Beide sind auf Einladung des Dichterfürsten nach Weimar gekommen, denn sie wollten ihn persönlich kennenlernen. Doch sein Wirken in Weimar hat auch einen weiteren Meister der Dichtkunst angezogen, Friedrich Schiller. Ihn besuchen die Brüder und überbringen ihm Medizin seines Freundes, worauf sie dann ein Manuskript überreicht bekommen, was im Laufe des Buches von großer Bedeutung sein wird und alles ins Rollen bringt. Doch dieser Besuch soll auch das letzte Lebenszeichen sein, denn am darauffolgenden Tag verstirbt Schiller in seinem Haus. Nun beginnt für Jakob und Wilhelm ein Abenteuer, was Mystik und Verschwörungen beinhaltet und beide in einen Sumpf aus Verbrechen, Morden und Schicksalen zieht.
Das Manuskript ist Teil eines fiktiven Romans Schillers, Der Geisterseher. In diesem Buch umschreibt Schiller die Geschichte eines Mannes, der mittels verschiedener Masken überall aufzutauchen scheint und die Unsterblichkeit sucht in Kreisen der Mystik. Bisher wurden 2 Teile des Buches veröffentlicht und das Manuskript sei der abschließende Band. Dieser Teil soll von Goethe begutachtet werden, doch es wird zum Ziel von dunklen Gruppierungen, denn sie vermuten in diesem Teil den Schlüssel zur Unsterblichkeit und den Stein des Weisen. Selbst in Goethes Haus treffen beide mysteriöse Gäste und der Tod Schillers bringt alles ins Rollen. Denn sie waren die letzten Besucher bei ihm und als beide von Elisabeth von der Recke angesprochen werden, offenbart sie ihnen wenig später, dass sie ihn vergiftet haben. Doch wie soll das möglich sein? Als Hörer vermutet man schon etwas, doch die Geschichte dreht weitere Kreise und verschlägt die Gebrüder Grimm noch in andere Gefilde.
Kai Meyer belässt es nämlich nicht bei einem Plot, der sich in Weimar abspielt und mit Goethe und Schiller, sowie von der Recke drei Schriftsteller jener Zeit einbindet, nein er baut noch einen Plot ein, der sich am Ende mit dem Hauptplot zusammensetzt. In Warschau treffen beide auf einen Herrn Hoffmann, E.T.A Hoffmann. Dieser Teil des Buches ist ein grandioser Einfall, denn Hoffmann ist in Warschau einem Serienkiller auf der Spur, der seinen Opfern die Augen aussticht und mit Sand füllt. So bekam der Mörder schnell einen Spitznamen, der Sandmann. Nach und nach müssen beide mit Hoffmann dem Rätsel auf die Spur kommen, denn es scheint eine Verbindung zu den Geschehnissen in Weimar zu geben und auch die Gruppierung um den Mann namens Spindel scheint eine Rolle zu spielen. Alles läuft auf jene Gestalt hinaus, die Schiller selber in seinem Roman beschrieben hat, einen Armenier mit verschiedenen Masken.
Grandioser Geschichtsplot den Meyer einbaut und der auch durch seinen Wirklichkeitsbezug mehr als reizvoll ist. So tummeln sich in Die Geisterseher mehrere historische Persönlichkeiten. Nicht nur die Gebrüder Grimm oder Goethe, Schiller und Hoffmann, sondern auch Elisabeth von der Recke oder Anna von Brockdorff, die als Enkelin ihrer gleichnamigen Großmutter eingebaut wird, die einst Frau von August dem Starken war. Durch das ganze Buch zieht sich der historische Faden, mit dem Todesjahr Schillers angefangen bis hin zum Ende und der Erwähnung der Burg Stolpen. Meyers Fiktion wird dadurch lebendig und durch die Grundstimmung des Buches auch sehr unterhaltend. Die Charaktere werden dabei sehr gut gezeichnet. Goethe als weiser Ratgeber weiß zu gefallen und der Tod seines Freundes wird fast schon zur Majestätsbeleidigung am Thron des Dichterfürsten.
Die Geschichte selber wird dabei erzählt als eine Art Rückblende wiedergegeben von einem alten Wilhelm Grimm. Er erinnert sich an die Geschehnisse zu jener Zeit und das komplette Buch wird so wie ein Tagebuch durchgeblättert. Jede Handlung hat Wilhelm und Jakob als Ausgangspunkt, beide sind unzertrennlich und meistern das Rätsel in Sherlock Holmes und Dr. Watson Manier, wobei vor allem Jakob die Führungsrolle einnimmt, da Wilhelm selber seiner Gefühle Herr werden muss. Dies alles wird von Zaubermond gekonnt als Hörspiel umgesetzt. Als Buch wären die Tiefe und die Dramaturgie meiner Meinung nach nicht so effektiv gestaltet wie hier. Die ganze Soundkulisse und Musik unterstützt das Motiv des Buches nicht nur, nein es hebt es auf eine ganz andere Stufe. So sind auch die Sprecherrollen Bestandteil des Ganzen, die mit Andreas Fröhlich als E.T.A. Hoffmann oder Hasso Zorn als Erzähler Wilhelm Grimm mehr als hervorzuheben sind.
Das Hörspiel hatte ich schon länger auf Halde, doch ich wagte mich noch nicht so recht heran. Kai Meyer als Autor kannte ich bis dato nur von der Merle Reihe und seinem Roman Frostfeuer. Beides eher fantastische Literatur, so war ich skeptisch wie sich ein Roman über die Gebrüder Grimm und Mystery auslassen würde. Doch weil es eben als Hörspiel angeboten wurde war immer ein Hintergrundwunsch da, es doch mal zu versuchen.
Ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil, sogar angenehm überrascht bis hin zur Faszination. Der Auftakt war schon vielversprechend, denn durch den Tod Schillers und den mysteriösen Abläufen im Hause Goethes wurde das Konstrukt schnell zu einem gruseligen Roman anstatt Märchenstunde. Durch die Einbindung historischer Persönlichkeiten, Orte und Begebenheiten erhält das Buch eine Tiefe, die sich ein komplett fiktives Setting erst erarbeiten müsste, hier ist sie von Anfang an da. Grandios für mich die Handlung in Warschau mit E.T.A. Hoffmann und dem Mörder namens Sandmann. Das ganze Motiv, was Hoffmann selber in seinem Roman Der Sandmann später veröffentlicht, wird hier Wirklichkeit – zeitgleich schaurig und faszinierend.
Der Weg zum Ende hin, was dann eher zu einem Thriller wird, ist schaurig und mysteriös. Meyer konstruiert meisterhaft mystische Elemente dieser Zeit ein und lässt das Buch wie einen modernes Schauermärchen anmuten, was sich an den Größen jener Zeit messen kann. Ganz klare Empfehlung für einen schaurigen Abend!
offizielle Seite von Kai Meyer
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*Copyright: Zaubermond 2009, Deutschland, ISBN 3936558000




