grimmsche Mystery
von muetzenvariete am 01. Feb 2012, unter deutsche Hörspiele

Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm reisen gemeinsam nach Karlsruhe. Dort soll Wilhelm eine Stelle als Privatlehrer antreten, auf Empfehlung von Wolfgang von Goethe und das Kind des badischen Großherzogs unterrichten. Jakob selber begleitet ihn, weil er für ein weiteres Märchenbuch recherchieren will. Doch schon unterwegs kommt es fast zu einem tragischen Unfall. Bei einer Rast fängt ein Sack auf einer Postkuschte Feuer und im Tumult verliert Wilhelm das Schreiben Goethes. Doch eine mysteriöse Person errettet Wilhelm und reicht ihm den Brief, den sie angeblich im Wirrwarr gefangen hat. Die Person gibt sich als Jade aus, eine Prinzessin aus Indien, die mit ihrem Mentor und Dienern unterwegs ist. Sie bietet den Brüdern eine Mitreise an in ihrer Kutsche, denn sie sei nach Karlsruhe unterwegs, um dort Uhrmacher zu finden, die ihrem Vater am Hof Freude machen sollen.
Am Hofe des Großherzogs angekommen muss Wilhelm jedoch einen Schlag hinnehmen. Der Außenminister erklärt ihm, dass das Kind, was er unterrichten sollte, wenige Wochen nach der Geburt verstorben sei. Doch die gute Nachricht, es sei dennoch am Leben. Jakob und Wilhelm sind verwirrt, denn wie soll ein Kind leben nachdem es gestorben ist und sollte Wilhelm etwa ein Baby unterrichten? Alles wirkt seltsam, doch der Minister besteht darauf, dass Wilhelm sein Geld bekommt und er die nächsten Tage weiteres erfahren soll. Unterdessen will Jakob am nächsten Morgen seine Recherche machen und nimmt seinen Bruder mit zu einer Frau. Sie soll Märchen erzählen können und somit wäre sie auch eine Quelle für das nächste Buch. Doch die alte Frau hat für beide keine gute Geschichte, im Gegenteil. Sie erzählt von 2 Brüdern, die ein Schicksal binden wird, von einer Prinzessin und von den 5 wichtigen Fragen, dem wann, wer, wie, wo und warum.
Jakob hält dies für Ammenmärchen, doch schon bald geraten sie hinein in eine Geschichte, die eher wie ein Abenteuerroman aus dem Orient klingt. Denn sie stoßen erneut auf Prinzessin Jade wenig später noch auf Menschen, die sich für Tierdämonen halten und Jakob und Wilhelm werden hineingezogen in einen Kampf um das angebliche Kind Napoleons. Denn dieser stahl einst im Feldzug einen Schatz aus Indien und nun sind hinter seinem Nachkommen mehrere Gruppen her und morden rund um den Hof des Großherzogs. Doch wieso ausgerechnet da und welches Kind soll es sein? Etwa jenes, was angeblich verstarb und das Wilhelm unterrichten sollte?
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Kai Meyer nimmt einen in Die Winterprinzessin wieder mit in die Vergangenheit und präsentiert mit diesem Roman den 2. Teil der Abenteuer der Gebrüder Grimm. Erneut wird es Geschichtsreise mit fiktivem Inhalt und lässt die Brüder erneut eine mysteriöse und unheimliche Reise begehen. Erneut angereichert mit einer Vielzahl historischer Personen und dennoch anders als Die Geisterseher.
Die Geschichte spielt gut 8 Jahre nach Die Geisterseher und erneut ist Johann Wolfgang von Goethe das Zünglein an der Waage der Ereignisse. Er empfiehlt dem Großherzog von Baden Wilhelm Grimm als Privatlehrer für dessen Sohn und so begibt sich dieser auf die Reise nach Karlsruhe, um am dortigen Hof dem Außenminister, Herzog von Dalberg, vorstellig zu werden. Doch Wilhelm reist nicht allein. Jakob will ihn begleiten und neues Material sammeln für ein weiteres Buch. Gut ein Jahr zuvor veröffentlichten beide ihre Märchensammlung unter dem Titel Kinder- und Hausmärchen, doch Wilhelm bezweifelt einen Erfolg und sieht einem 2. Buch skeptisch entgegen. Er will finanziell selbständig werden und seinem Bruder nicht mehr auf der Tasche liegen, weshalb er auch die Stelle als Lehrer unbedingt antreten will. Mit Goethes Empfehlung in der Hinterhand, verspricht er sich eine gesicherte Zukunft.
Doch wie schon im 1. Band wird es auch diesmal anders kommen, denn schon unterwegs kreuzen beide die Wege von Weitgereisten, die ihre Wege schlagartig mit beeinflussen werden. Eine angebliche Prinzessin aus Indien, namens Jade, ist ebenfalls unterwegs nach Karlsruhe, um dort Uhrmacher ausfindig zu machen, die ihrem Vater einzigartige Uhren bauen. Wilhelm ist von der Frau angetan, während Jakob ihr und ihrem persönlichen Begleiter Kala Misstrauen entgegenbringt. Doch spätestens am Zielort, wird dies kurzfristig in den Hintergrund rücken, denn das Kind, was Wilhelm unterrichten soll ist angeblich gestorben. Hier beginnt dann der wirklich mysteriöse Part, denn der Herzog von Dalberg erklärt ihnen, dass es zwar gestorben sei und auch vom Hausarzt bestätigt wurde, es dennoch auch lebe, er ihnen aber später mehr erzählen will. Hier beschließt dann vor allem Jakob der Sache selber auf den Grund zu gehen und beide geraten ab da an in einen exotischen Kampf mitten im badischen Herzogtum.
Kai Meyer bietet in diesem Buch eine facettenreiche Mystik an, die ihre Wurzeln in Indien findet. Mit diesem exotischen Part begibt er sich auf eine neue Schiene und verwebt deutsche Kultur mit orientalischen Einflüssen. Dies jedoch auf eine unheimliche Art und Weise, die sich in Kala und den Odiyan besonders heraus kristallisiert. Meyer scheint hierbei auf den Spuren englischer Abenteuerromane zu wandeln, denn die Einbettung dieses Parts in das eigentliche Setting schafft es doch alles mysteriöser zu gestalten. Die Odiyan sind dabei Menschen, die sich als Tiere sehen und auf den Spuren des Glaubens an Gestaltwandler hergehen. In Indien ist dieser Glaube weit verbreitet und findet im Wertiger seine Manifestierung. Meyer setzt in den Odiyan jedoch auf eine andere Version der Tiermenschen, auf Vögel. Schon der Prolog des Buches wird davon geprägt sein und den Einstieg zum Grusel frühzeitig bauen.
Doch die Geschichte an sich basiert eher auf einen historischen Hintergrund, in den Kai Meyer dann reichlich Fiktion verwebt. So ist der Hintergrund angelehnt an damalige Gegebenheiten, in Form von Napoleons Rückzug aus dem Russlandfeldzug. Dieser scheiterte und auf seinem Rückweg besucht dieser Goethe in Weimar, da beide sich schon zuvor begegnet sind und sich beide auch schätzen. Doch der Kaiser will keine Gedichte von Goethe sondern ihm geht es um einen Thronerben. Seine Adoptivtochter hat den Großherzog von Baden geehelicht und erwartet ein Kind. Dieses soll von Goethe unterrichtet werden, um so ein großer Herrscher zu werden. Bis auf den Dichterfürsten sind dies Fakten, denn im Jahr 1812 gebar Stéphanie de Beauharnais tatsächlich einen Sohn und wie im Buch, verstarb das Kind 17 Tage nach der Geburt. Was Meyer nun draus macht ist eine Geschichte voller Intrigen, Machtspiele und eben Mystery. So wird früh Spannung aufgebaut und diese hält auch bis zum Ende an, wo er dann allem noch eine Krone aufsetzt.
Auch dieses Buch ist wie Die Geisterseher eine Art Tagebucheintrag von Wilhelm Grimm. Erneut ist sein älteres Ich der Erzähler und schildert seine Jugenderlebnisse rund um Prinzessin Jade und der Suche nach der Wahrheit. Erneut ist auch hier Hasso Zorn tätig als Sprecher des Wilhelm Grimm. War es im 1. Band ein Andreas Fröhlich der herausstach aus der Masse an Stimmen, so ist es diesmal eindeutig Peter Matić. Die deutsche Stimme von Ben Kingsley passt wunderbar als Herzog von Dalberg und hebt die Produktion deutlich an. Wenn dann sogar in einer Nebenrolle Kathy Bates, alias Regina Lemnitz, vorkommt, dann weiß man, hier wurde nochmal zugelegt zum Vorgänger. Musik und Kulisse sind wieder stimmig und vermitteln den Charakter der Geschichte, zwischen Spannung und Mystery gepaart mit einem Schuss Grusel!
Nun das 2. Buch rund um die Gebrüder Grimm musste nicht lange auf meine Ohren warten. War ich doch von Die Geisterseher mehr als angetan, so versprach ich mir auch mit Die Winterprinzessin einen ähnlichen Kick Richtung gruseliger Geschichtsreise. Kai Meyer vermochte mit seinem 1997 erschienen Buch sicherlich schon Leser an sich binden, doch erneut vermag es das Label Zaubermond, die Spannung aus gedruckten Worten in Form von Sprechern und Kulisse anzuheben.
Im Grunde ist die Herangehensweise in beiden Büchern identisch. Beide Male wird Goethe die Brüder in eine Sache mit reinziehen, die er selber mit initiiert und am Ende sich erneut erklären muss vor beiden. Man könnte meinen, Kai Meyer will absichtlich am Thron kleine Kratzer einfügen, um die Glorifizierung des Übervaters deutscher Prosa wieder auf Erdenmaß zurückzubringen. In beiden Geschichten wirkt Goethe zwiespältig und geheim und oftmals verschlägt es den Hörer in eine Glaubensrichtung, wo man ihn als Bösewicht einstuft. Doch dazu baut Meyer zu viele Haken und Wendungen ein, die dennoch eine geradlinige Story abliefern und von A bis Z durchdacht sind. Man kann bis zum Ende keine Schlüsse ziehen was nun Wahrheit oder Dichtung ist. Die orientalischen Einflüsse sind gelungen, sind sie doch mal was neues, was man sonst nur einem englischen Autor zuschreiben würde. So wird auch Die Winterprinzessin spannend, mystisch und sehr unterhaltend!
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*Copyright: Zaubermond 2011. Deutschland, ISBN 3936558221




